Literaturkritiken



Beeindruckende Buchpremiere am gestrigen Abend in Berlin-Steglitz von jenny Schon



Schon, jenny: endlich sterblich. gedichte

Ein beeindruckende und tief ergreifende Buchpremiere mit gutem Publikumszuspruch
(wann kann der/die Veranstalterin schon einmal sagen, wir brauchen noch zusätzliche Stühle)
feierte am gestrigen Abend Jenny Schon in der Primobuch-Handlung in Berlin-Steglitz (wunderbare Räumlichkeiten
in einer wirklich gut bestückten Buchhandlung) mit ihrem Band 'endlich sterblich' . Ihre unglaublich tiefen,
ergreifenden Gedichte in diesem Band, die ihren umfassenden Humanismus im literarischen Ansatz zeigen,
lassen gerade in diesen Zeiten niemand unberührt. Vielleicht ihr schönster Gedichtband, wie Verlagsleiter Alfred Büngen
nach der Lesung sagte, denn - ohne sich der aktuellen politischen Diskussion zu entledigen - macht sie Grundsätze
des humanen Denkens noch einmal klar, an denen niemand vorbeikommt. Nana, der die Lesung musikalisch begleitet,
mahm die teilweise melancholisch-berührende Stimmung der Gedichte in seiner Musik auf. Der Titel des Bandes
versteht sich, so in der anschließnden Diskussion, u.a. als ein Widerspruch gegen religiöse Unsterblichkleitsansprüche,
die in der Aktualität ja Hochkonjunktur besitzen.

Für George Grosz

So lang ich lebe
Leide ich
Auch Leidenschaften
Sind lästig
Wenn ich mich betrachte
Sehe ich Abgründe
Den Sternen wäre ich nah
Sehr gern Die Höhen möchte ich schon
Erklimmen
Mit den Zugvögeln ziehn
An den Strömen
Die Kontinente wechseln
Und meinen Horizont sehen
Dann weiß ich
Ich lebte
Ohne zu leiden
Ohne lästig zu sein
Den anderen eine
Freude und mir
Ein Genuss
Ein Gedanke nur
Freiheit
Körperlos
Lösen
Die Lösung
Wäre
Nicht geboren zu sein …

quelle: http://geest-verlag.de/news/beeindruckende-buchpremiere-am-gestrigen-abend-berlin-steglitz-von-jenny-schon



http://www.baeke-courier.de/images/stories/pdfs/BC_01_2015.pdf

S.7 Jenny Schon und die Bäke

Eine Brühler Nachkriegskindheit


Von Alexandra Ringendahl, 04.04.12, 10:34h, aktualisiert 04.04.12, 13:10h Jenny Schon wuchs in der Nachkriegszeit in Brühl auf. Wie sie das damalige Adenauer-Deutschland erlebte, beschreibt sie jetzt in ihrem Buch. Für eine Lesung kam die 69-Jährige, die mit 19 nach Berlin zog, in die alte Heimat.

Brühl - Wenn Jenny Schon durch Brühl geht, sieht sie doppelt: „In der Tiergartenstraße spiele ich immer noch Murmeln, mein kleiner Bruder schiebt stolz seinen Roller. Kein Auto weit und breit.“ Ihre Kindheit hat die 69-jährige Autorin, die seit dem Mauerbau in Berlin lebt, in der Schlossstadt verlebt. In ihrem soeben erschienen Buch „Rheinisches Rondeau - eine Kindheit im Adenauer-Deutschland“, das sie in der Buchhandlung Karola Brockmann vorgestellt hat, lässt sie das Brühl der 50er Jahre aus kindlicher Perspektive aufleben.

Dabei ist es die Sicht des seelisch zerrissenen Kriegskindes auf den Brühler Alltag der 50er Jahre, die das Buch authentisch machten. Im Krieg gezeugt, kommt die Tochter einer aus Trautenau im Riesengebirge vertriebenen Mutter als Dreijährige nach Brühl. Als Vertriebene, dazu noch Protestantin, erlebt das Mädchen beides: das allmähliche Ankommen in einer neuen Heimat, die sich nach dem Krieg selbst neu finden muss. Unddas Außenstehen als Protestantin und Pimmock, wie die Vertriebenen auf Kölsch abfällig genannt wurden.

Da sind die Bilder des Vaters Oskar, der als Fremder aus der Kriegsgefangenschaft zurückkommt. Langsame Annäherung auch hier: „Vati steht als Dachdecker auf dem Schlossdach und repariert Kriegsschäden. Ich bring ihm den Henkelmann.“ Kleine Glücksmomente. Vater und Tochter. Karge Jahre, in denen die Uhlstraße und die Tiergartenstraße das Zentrum ihrer Welt waren. Den Ausbruch aus der rheinischen Kleinstadt läutet ausgerechnet ein Nachbarsjunge ein: Günter Verheugen. Der mobilisiert sie für die Jungdemokraten. „Wir wollten einfach nur den alten Adenauer loswerden“, erklärt sie die Motivation. Bei einer Protestveranstaltung gegen den Mauerbau in Berlin lässt sie sich 19-jährig als Arbeitskraft anwerben, um die geteilte Stadt nach dem Mauerbau am Leben zu erhalten.

In Berlin arbeitet sie als Buchhändlerin, studiert Sinologie: Es folgten der Beitritt zur Protestbewegung APO, die Studien von Camus und Sartre, lange Aufenthalte in China. Das Leben weitet sich, die Sehnsucht nach Ankommen bleibt. „Ich bin angekommen ... Da war ich nie“, schreibt sie in einem der Gedichte in ihrem Buch. Besonders die Gedichte im ersten Teil des Rheinischen Rondeaus zeigen eindrucksvolle lyrische Stärke. Anlass, sich nach der Veröffentlichung mehrerer Romane und Gedichtbände Brühl zuzuwenden, gab eine Einladung zur goldenen Konfirmation. „Nach 50 Jahren traf ich all die Leute von früher wieder.“ Hinzu kam der Wunsch, auch diesem Teil ihres Lebens ein Buch zu widmen. „Ich habe ja keine Kinder. Da wollte ich der Nachwelt etwas hinterlassen.“ Das Buch ist gleichzeitig ein Geschenk an ihre Mutter Anni Schon, die in diesen Tagen ihren 90. Geburtstag feiert und immer noch in Brühl lebt. Das Buch „Rheinisches Rondeau, Erzählungen und Gedichte“ erscheint im trafo-Verlag und kostet 18,80 Euro.

Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1333122851798.shtml





Jenny Schon

Orte der Erinnerung (1)
Zum 11. Juli 1995

Seit tausenden jahren
Sticken frauen an stillen abenden
Tränen in tücher
Mit dem blut
Der erinnerung an ihre
Söhne und männer und väter
An ihre brüder

Seit tausenden jahren
Knieen sie nieder
Vor gräbern ohne wissen
Um die gebeine
Sie sticken namen
Gegen das vergessen

Seit tausenden jahren
Bleiben frauen zurück
Geschändet
Sie sticken für die hoffnung
Immer wieder
Leben…

(1) Die Stiftung südost Europa Kultur e.V. initiierte die "Rolle des Gedenkens", ein Band zur Erinnerung an die Getöteten der Kriege in Südosteuropa seit 1991. Die mit den Namen und Lebensdaten bestickten Tücher hatten Frauen in Erinnerung an ihre getöteten Kinder, Eltern, Geschwister sowie andere Angehörige und Freunde gestickt; viele der Frauen kommen aus Srebrenica. Die Schweizer Künstlerin Anna S. Braegger hat hunderte dieser Taschentücher zu einem - bisher - ca. 30 m langen, zarten Band der Erinnerung zusammengefügt. Der 11. Juli ist Gedenktag.


Berlin, den 24.6.2011

Liebe Jenny, meine liebe Schwester,

danke Dir für das wunderbare Lied "Orte der Erinnerung", die knappen Worte, die alles sagen.
Ich umarme Dich und freue mich, Dich zu kennen.

In Liebe
Deine
Bosiljka S.





Juni 2011

Liebe Jenny,

Deine Berliner Gedichte haben mir sehr gut gefallen, vor allem Marggrevendorp, Luiseninsel und Kudamm für Rudi. Auf den verschiedenen Ebenen Deiner Gedichte kann man wandeln und verharren. Der Lauf der Geschichte, der Mensch in ihr, die Frage, was können wir tun, um diesen eine Wendung zu geben, um aus dieser Welt eine menschlichere, eine gerechtere zu machen, die Hoffnung darauf, dies tun zu können oder versucht zu haben, der Schmerz darüber, die Grenzen erfahren zu haben.
Auch schön, dass Du das Gedicht über Schmargendorf den Titel Marggrevendorp gegeben hast und damit auf die mittelalterlichen Wurzeln des Stadtwerdungsprozesses verweist und diesen mit dem Inbegriff Berlin-West als Schmelztiegel der Moderne verknüpfst.
liebe Grüße aus Trier

Doerte E.





Juni 2011

Liebe Jenny,

schade, daß ich Deine Gedichte, von denen hier die Rede ist, besonders das mit der Überschrift Marggrevendorp, nicht kenne. Allgemein sieht die hier von Dir zitierte Zuschrift von Doerte aus wie eine Bestätigung meines alten Vorurteils: In Deinen Gedichten scheinst Du mir immer am unverwechselbarsten Du selber zu sein, da kommen die besten und schönsten Seiten Deiner Individualität am deutlichsten zum Ausdruck. Lyrik ist Dein Leben.

Horst S.





Juni 2011

liebe jenny schon
, ich war ja schon vorher ihr fan, aber ihre winterreise-gedichte (den lieben kleist eingeschlossen) machen mich fast schon narrisch vor freude.
ich verbeuge mich tief und umarme sie elektronisch,

herzliche grüße
rr





Trier 2010

Liebe Jenny,

habe inzwischen Deine Fußvolk-Gedichte überflogen, muß und werde sie sicher noch öfters lesen, aber finde sie RICHTIG gut, und damit meine ich wirklich SEHR gut,

liebe Grüße
Doerte





2010

Hallo, liebe Jenny,

endlich bin ich dazu gekommen, mir deine Webseite anzusehen. Und ich wollte dir schreiben. Ich bin begeistert, vor allem haben mich deine Gedichte sehr berührt - und das Mädchenfoto, das Mädchen, was die Zunge rausstreckt und die Haltung dazu - köstlich.

Herzliche Grüße
Heinrich v. d. H.





2010

Liebe Jenny,

die Sammlerin habe ich jetzt durch. Ich habe dein Buch sehr gern gelesen.
Glückwunsch, liebe Jenny, für die gelungene Arbeit! Gute Idee auch das Glossar am Schluss, dadurch besteht keine Gefahr, den Überblick zu verlieren. Zumal du ja eine Menge Informationen aus verschiedenen Bereichen und Jahrhunderten bringst. Und das Tollste: du webst alles so gut zusammen, als hätte es schon immer zusammen gehört!

Herzliche Grüße
Barbara A.





USA 2010

Hi Jenny,

Many thanks for sending along copies of your novel and poetry!
The Schwantner and Schon clans are all a part of an artistic family.
All best,

Joe Schwantner





Hamburg 2008

Manuskript-Gutachten

Jenny Schon: Wespenzeit

Das mir vorliegende Romanmanuskript Wespenzeit ist exzellent geschrieben, interessant und originell. Der Roman schildert aus der Perspektive der Mittzwanzigerin Gunda Braun-Lux die politischen Geschehnisse in West-Berlin während der 1960er Jahre. Fasziniert von der Entwicklung Chinas unter Mao und abgestoßen vom anhaltenden Vietnamkrieg der USA, taucht die Erzählerin immer tiefer in die linke Szene ein. Zeitgleich versucht sie sich ein eignes Leben aufzubauen (Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Selbstständigkeit) und sich von den Männern loszueisen - ihrem korrupten Chef mit Nazi-Vergangenheit, einem gewalttätigen Ehemann, ihrem ich-bezogenen Schwarm "Jett" aus dem SDS und einem bürgerlich-konservativen Mentor. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben, die Protagonistin lebt partiell in einer James-Dean-Traumwelt: Sie vergöttert Jett, den gefallenen Giganten aus Giant, und spricht ihn in ihrer Erzählung immer wieder direkt an. In einem durchgehend schlicht-subjektiven Ton kommentiert Gunda die Studentenbewegung, der sie selbst angehört, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Vietnamkrieg bzw. der Kulturrevolution in China. Der historische Hintergrund der Erzählung ist sehr gut recherchiert.
Wespenzeit ist eine literarische, schön eigenwillige Milieu- und Zeitstudie. Der Roman ist sprachlich wirklich stark. Die absichtsvolle Fragmentierung durch stimmungsreiche Szenarienwechsel, eingestreute Gedichte u.ä. erzeugt ein lebhaftes, sehr sinnliches Kaleidoskop aus kraftvollen Bildern, die ein Stück Zeitgeschichte aufarbeiten, ohne zu moralisieren. Für Lesende, die die Bewegung nur aus Reportagen und TV-Dokumentation kennen, werden die Geschehnisse und Personen der 68er lebendig, die vitale und angenehm unkonventionelle Sprache zieht sofort in den Bann.
Da es in Wespenzeit keinen Krimiplot gibt, ist es für die Ariadne Krimireihe leider nicht geeignet. Leider, denn es verdient eine Veröffentlichung - am besten in einem Verlag mit einem mutigen deutschsprachigen Prosa-Programm. Ich wünsche dem Buch, der Autorin und dem Publikum, dass dieser Roman bald und gut verlegt wird.

Else Laudan





Leserbrief zu "Wo sich Gott und die Welt traf - West-Berlin - Zum 50. Jahrestag - 13. August 1961"

Jut isse, hat se nich schlecht jemacht, … würde der Berliner sagen, "passt scho", der Bayer. Eine und dieselbe meinen allerdings beide: Jenny Schon. Sie hat mal wieder ein Buch herausgebracht, das schon einigermaßen überrascht. „Wo sich Gott und die Welt traf“ heißt es. Zum 50.Jahretag – 13. August 1961. Zeitzeugen erinnern sich der ersten Jahre nach dem Mauerbau. - ……Und das ist eben das Überraschende: Man erwartet eine Aneinanderreihung von Zeitzeugenberichten, die schließlich wegen der Wiederholungen etwas ermüden und dann genießt man genau das Gegenteil: Herausgekommen ist ein Buch, das recht kurzweilig zu lesen ist, da nicht nur die Zeitzeugen zu Wort kommen, sondern auch Beiträge der Herausgeberin eingeflochten sind, die immer mal wieder eine Verbindung zu den persönlichen Geschichten der Mitautoren schafft und teilweise recht amüsant die Zeit der 60-er Jahre wiederauferstehen lässt. Aber auch die Zeitgeschichte kommt nicht zu kurz, hat Jenny Schon diese doch unaufdringlich einfließen lassen in ihr „West-Berlin-Buch“. Auf die richtige Mischung kommt es eben an und da hat die Herausgeberin und Autorin schon das richtige Gespür. Wird es mal zu ernst oder zu eng – schließlich sind die Zeitzeugen keine Schriftsteller – findet Jenny Schon mit Sicherheit die richtigen Worte, das Ganze ein wenig aufzulockern. Herrlich beispielsweise das Kapitel „Im Cocktailkleid in den Osten“, gelingt es ihr hier doch in unnachahmlicher Weise, die Leichtigkeit, Beschwingtheit, das Lebensgefühls jener Zeit der damals Jungendlichen auferstehen zu lassen, vermag sie Erinnerungen oder besser gesagt, Gefühlserinnerungen zu wecken, die längst vergessen schienen.
Und noch was bringt sie prima rüber, die Jenny Schon. Politische Einstellungen werden nicht verschwiegen, sondern sehr eindrucksvoll dargestellt. Nimmt man beispielsweise die Geschichte „Mein erster Berlin-Marathon“. Da ist nichts Fanatisches zu herauszulesen, sondern Wahrhaftigkeit zu spüren….
Ja, „passt scho“, wird der Bayer sagen, wenn er das gelungene Buch der Jenny Schon gelesen hat und ..„nicht schlecht“ der Berliner in seiner ihm eigenen Art dies bestätigen, wenn er es wieder aus der Hand legt.
L.





Von Uli L., Berlin, 28.3.2011

An Beata, den Wirbelwind des Riesengebirges
(aus den beiden Romanen der Berliner Autorin Jenny Schon "Der Graben" (2005) und "Die Sammlerin" (2009)


"Die Sammlerin" ist ein interessant geschriebenes Buch über die Erlebnisse einer Frau bei einer Wanderung im böhmischen Riesengebirge. Das Besondere dabei ist, dass diese Frau mit Namen Beata Pütz selbst im Riesengebirgsvorland geboren, als Kind mit ihrer Mutter 1945 bei der Wilden Vertreibung die Heimat verlassen musste. Die Tragweite aller Ereignisse, die Beata Pütz zu verarbeiten sucht, erschließt sich dem Leser aber erst richtig, wenn er vor "Die Sammlerin" das Buch mit dem Titel "Der Graben" gelesen hat. In beiden Büchern handeln auch dieselben Protagonisten. Ist Beata in "Der Graben" noch eine, die Heimat, die Vergangenheit und nicht zuletzt sich selbst Suchende, so entwickelt sie sich in "Die Sammlerin" zu einer Findenden. Sehr gelungen scheint mir die Entwicklung Beatas von der suchenden Fremden in der alten Heimat zu einer sich nicht nur integrierenden, sondern die Ereignisse mitbestimmenden Person, die die Alteingesessenen in ihren Bann zu ziehen vermag. In beiden Büchern geht es auch um die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen. Sehr ernsthaft in "Der Graben" und eher heiter in "Die Sammlerin". Beata, der nichts Menschliches fremd ist, entwickelt sich von einer sehr ernsthaften, von der Vergangenheit gezeichneten Frau zu einer liebenswerten Persönlichkeit, in die man sich geradezu verlieben könnte.
…sie ist weg! Nicht völlig überraschend, denn ich wusste natürlich, dass auch sie nur endlich ist. Trotz dieses Wissens war es ein Erlebnis, als sie urplötzlich aufgetaucht und mich in ihren Bann gezogen hatte.
Beata, der Wirbelwind des Riesengebirges ist weg. Wie schwer sie es hatte und wie schwer sie es sich auch gemacht hat, darüber hat sie erzählt. Ausgerechnet das schwierige Verhältnis Deutsche und Tschechen hatte sie sich vorgenommen, hat um Versöhnung gekämpft. Sie hat sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln eingebracht. Angriff und Einsicht, Hintergrundkenntnisse, Wissen und Glauben, Gefühle, Verführung und die Bereitschaft sich verführen zu lassen, hat Tricks und Notlügen eingesetzt, hat Ängste durchlebt, hat bedingungslose Offenheit erkennen lassen, hat gehofft und verdrängt, gesucht und gesucht. Und was hat sie erreicht? - Alles! Sie schaffte es, sich dermaßen in "Heimaten" zu integrieren, dass die Einheimischen darüber staunen mussten, wo sie überall herumwirbelt und wen sie alles kennt, beeindruckt und für sich gewinnen konnte. An mehreren Fronten hat sie gesiegt. Ich glaube, dass sie jetzt sogar ganz alleine jedes Haus bewohnen könnte, ohne sich zu ängstigen. Eine starke Frau.
Und jetzt? Beata wird nun für andere Aufgaben gebraucht. Was sie auch immer machen wird, eines habe ich längst immer deutlicher durchschimmern sehen: Der Schalk gesellt sich wieder zu ihr. Manchmal bedarf es nur eines anderen Schelms, der solch sympathische, lebensbejahende Haltung befördert, mag er beispielsweise Agatha heißen. Gerne hätte ich sie noch festgehalten mit meinen kleinen Tricks. Jedes Buch hat nun aber eine letzte Seite. Niemals hätte sich Beata aufhalten lassen, das war mir klar. Ich kann aber in der Not jederzeit mir von Beata Schönes sagen lassen, muss nur die richtigen Seiten aufschlagen.

Natürlich bin ich momentan traurig, doch bin ich mir andererseits dessen sehr wohl bewusst, dass ich schon eine gehörige Portion Glück hatte, völlig überraschend einer dermaßen außergewöhnlichen Persönlichkeit zu begegnen. Diese Erfahrung lässt immerhin die Hoffnung zu, solch Urknall - das war für mich der Auftritt Beatas - könnte sich irgendwann einmal wiederholen…





Von Gisa B., Braunschweig, Februar 2011

...Ich bin noch ganz ergriffen vom Lesen, liebe Jenny.
Wenn es nach mir ginge, müsste das Buch "PostelbergKindeskinder" ein Renner werden. Bis auf die leider farblosen Bilder - aber darüber gibt es auch andere Meinungen - ist es sehr gelungen, Glückwunsch!!! Ein sehr gutes Buch!
Hast Du schon Aussicht auf eine Lesung? Ein Exemp. schicke ich morgen den Braunauern und hoffe, sie verbreiten es in ihrer Landesgruppe und darüber hinaus.
Ich verschenke es nur an nette Menschen, die es zu schätzen wissen und es auch wirklich lesen werden...





Von Anna Gerstlacher, Sinologin und Journalistin, Berlin

PostelbergKindesKinder - Träume und Trauma

Postelberg/Postoloprty ist ein Ort in Westböhmen, in der Nähe von Saaz, 60 Kilometer von Prag entfernt, in dem nach Kriegsende, im Mai und Juni 1945, von tschechischen Milizen Hunderte deutscher Zivilisten niedermetzelt wurden, darunter auch Kinder. Und Postelberg ist nur ein Ort von vielen, die jetzt nach und nach bekannt werden (s.a. den tschechischen Dokumentarfilm "Töten auf tschechisch", der 2010 in Tschechien und Deutschland gezeigt wurde).
Postelberg ist mittlerweile das Synonym für das Trauma der deutschstämmigen Böhmen, die die Vertreibung überlebt haben, für die heute lebenden deutschen Kriegskinder und Kriegsenkel, die die Angst ererbt haben.

Jenny Schon, Kriegskind, Jahrgang 1942, geboren in Trautenau/Böhmen, Sinologin, Autorin von Sachbüchern, hauptsächlich zu chinesischen Themen, von Romanen und Gedichtbänden, die großenteils Böhmen zum Thema haben, hat aus ihren Aufzeichnungen ein "Tagebuch einer Ver-Rückten" zusammengetragen, das den langsamen, immer intensiver werdenden Prozess ihrer Re-Traumatisierung aufzeichnet, die infolge des Besuchs in ihrer Geburtsheimat Riesengebirge nach der Samtenen Revolution zu wüten begann. In drei Erzählungen versucht sie eine "Reise ins Innere".

Wer die Werke der letzten Jahre (Der Graben, Böhmische/Ceska Polka, Die Sammlerin, Wie Männer mich lehrten die Bombe zu halten und ich sie fallen ließ) von Jenny Schon kennt, weiß, dass sie versucht hat, in Lyrik und Prosa, sich dem Thema Trauma zu nähern, Trauma durch Krieg und Vertreibung, das bis in die heutigen Generationen wirkt. Sie hat es virtuos geschafft, sprachlich wie inhaltlich, dem Leser das Ausmaß der Zerstörung der kindlichen Seele, die Krieg und Vertreibung angerichtet haben, mit literarischen Mitteln nahezubringen. In ihrem neuen Buch läßt sie uns jedoch an ihrer eigenen Realität teilhaben, wie sie re-traumatisiert wurde.
Es ist ein Buch, das sich sehen lassen kann und gelesen werden soll.

Es war spannend, noch mehr aus ihrem Leben zu erfahren, all die Windungen und Wirrungen, das Auf und Ab, das Hin und Her. Das Gewirr der Sprachen, der Dialekte, die Verschränkungen von unterschiedlichen Zeiten, Orten, Begebenheiten erfordern die ganze Aufmerksamkeit, die aber auch ihrer Biografie angemessen sind. Es ist rührig, wie sie damit ihr Leben öffentlich macht. Da es aber einer guten Sache dient, dem Verstehen und damit dem Verhindern, ist das angebracht.

Keine leichte Kost, wie es auch ihre literarischen Werke nicht sind, doch die Lektüre lohnt. Wahrscheinlich werden sich wieder nur wenige der Lektüre hingeben, denn unsere Zeit will Leichtes, Oberflächliches, Optimistisches. Keine Vergangenheit, keine Realität, sie lechzt nach events, talks, Lügen.
Es ist fast zum Ausbüchsen, diese Ungerechtigkeiten, diese Grausamkeiten, die die Menschen/Männer uns allen zufügen, die dann tabuisiert sich zum Trauma auswachsen. Ich finde es gut, dass Jenny Schon und Joachim Süss sich dem stellen und dass sie Stein für Stein aufheben, grausame Geschichte entdecken - und trotzdem den Lebensmut nicht verloren haben. So ist es auch ein Mahnruf an die Nachgeborenen, die Betroffenen, die Nichtbetroffenen, keine Wiederholung zuzulassen. Die Gefühle, die Sicht auf die Welt werden geschärft.

Joachim Süss, Kriegsenkel, Jahrgang 1961, geboren in Marburg/Lahn, Dr. theol., Autor, Herausgeber, zahlreiche Veröffentlichungen zur Religionskultur und zur religiösen Erfahrung in der Gegenwart. Der Vater überlebte 1945 das Lager Postelberg, Zwangsarbeit und den Abschub aus dem Sudetenland. Der Sohn Joachim Süss war zunächst dem Trauma seines Vaters gegenüber sprachlos, bis er entdeckte, dass er es als Erbe in der eigenen Seele trägt. Die Gedichte von Jenny Schon inspirierten ihn dazu, jene so schwer greifbare innere Terra incognita zu klären und damit verstehbar zu machen, in der noch immer Dämonen aus einer vergangenen Zeit hausen. Was bedeutet es, als Kind von Vertriebenen zu leben? Joachim Süss ist es gelungen, in seinen Gedichten "Odsun" (Abschub) eine eigene Sprache dafür zu finden.

Die Gedichte, sowohl die von Jenny Schon als auch die von Joachim Süss, ergänzen das Ganze gut. Sie bestätigen letztendlich die persönlichen Erfahrungen, bringen sie auf eine breitere Basis, verallgemeinern sie.

Dem Buch ist ein Geleitwort der Präsidentin des Frauenverbandes im BdV e.V., Sibylle Dreher, vorangestellt, die mit ihrer Veranstaltungsreihe "Lange Schatten" im Berliner Gropiusbau in den letzten Jahren ebenfalls Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet hat.
Die Fotos in dem Band "PostelbergKindeskinder" zeigen überwiegend Motive aus Böhmen.





Gleich zwei Neuerscheinungen von Jenny Schon
© Die Berliner Literaturkritik, 26.02.10
Von Anna Gerstlacher


Zur Situation der Frauen

Verstörend sind die Titelseiten beider Bücher: Auf der einen der Plastikfuß einer Puppe im vertrockneten Gras, auf der anderen ein zersplitterter Baumstamm, der entfernt an einen zerfetzten Männerkörper erinnert. Auffallend, aber nicht unbedingt werbeträchtig, den in den Büchern behandelten Themen jedoch durchaus angemessen.
In dem schmalen Gedichtband mit dem sperrigen Titel "Wie Männer mich lehrten die Bombe zu halten und ich sie fallen ließ" widmet sich die Autorin in mehreren Gedichten Steinen. Es geht nicht um gewöhnliche Steine, sondern um jene, mit denen nach den Gesetzen der Scharia auf Frauen geworfen wird. Glasklar und unbeirrt hebt Jenny Schon den Schleier der Verblendung und sieht die Freiheit, eine Freiheit "über sechs Kinder und eine Wäschetruhe. Einkaufen tut der Mann". In ihrer prägnanten Lyrik spannt sie den Bogen von Berlin-Kreuzberg über den Bosporus, in den Orient, wo "Frauen nicht alleine auf die Straße, nicht lesen, nicht schreiben, nicht leben" dürfen. Die Autorin wagt sich hinaus in die Welt, im Schlepptau die iranische Neda, die türkische Sürreya, die österreichischen Töchter von Fritzl, die Frauen in Palästina Dabei durchläuft sie ferne weite Wüsten, um dann schließlich durch enge Gassen bei sich selbst in Berlin anzukommen.
Der Sprachlosigkeit dieser Frauen, deren Überforderung, Einsamkeit und Missverständnisse stellt Jenny Schon die Agitprop der Studentenbewegung der 60er Jahre, das nachfolgende "make love not war" gegenüber und prangert sie an: "schweig über den klau meiner wörter - du griffst auch meine vielfalt - einfältiger du - ich lass dir die - lüge von der dreifaltigkeit".
Ein weiteres Thema ihrer lyrischen Beobachtungen ist der 9. November 1918, 1938 und 1945 ("Eine deutsche Zählung"); überraschender- und interessanterweise nicht den 9. November 1989. Doch bereits in der Einleitung bekennt Jenny Schon, dass der Fall der Mauer in Berlin für sie weniger Bedeutung hatte als die Verhängung der Fatwa gegen Salman Rushdie im 20. Jahrhundert.
Lässt die Berliner Autorin in ihren Gedichten durch die Dichte der Worte, die Komplexität der Reime, die Konsequenz der Themen kein Entkommen, kein Aufatmen, kein Abspannen zu, führt sie uns im Gegensatz dazu in ihrem Roman "Die Sammlerin" in epische Breiten.
Eine andere Zeit, eine andere Thematik ist angesagt. In dem biografisch angelegten Roman gräbt Jenny Schon alias Beata Pütz von der Gegenwart ausgehend in ihrer Vergangenheit. Stein für Stein wird angehoben und hinterfragt, bis zum Schluss ein Puzzle zusammen gelegt ist, das vor allem ein die jüngere deutsche Geschichte betreffendes Thema gründlich durchleuchtet: Die Flucht aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland.
Erst die Wende, d.h. der Mauerfall, machte es möglich, dass Beata Pütz wiederholt ins böhmische Riesengebirge fahren kann. Bald erweisen sich die Spuren ihrer Vorfahren als zu eng. Die Scheuklappen werden abgelegt. Sie geht weit in die Geschichte zurück und schildert, wie die heilige Hedwig (Schutzpatronin von Polen und Schlesien) von Mongolenhorden bedrängt und ihr Sohn geköpft wird. Anhand ihres eigenen "Mongolenflecks" wird Beata Pütz klar, weshalb sie sich im Studium mit Asien, vor allem mit China, beschäftigt hat. Zurück im historischen Hier und Jetzt greift sie auch aktuelle Themen auf, beispielsweise Schlepperbanden im tschechisch-polnischen Grenzgebiet. Geschickt lenkt die Autorin das Spiel zwischen Gegenwart und der Vergangenheit, so dass nicht nur historische Erkenntnisse, sondern auch gegenwärtige Fragen und Probleme angesprochen, erörtert und erklärt werden.
Auf sehr subtile Weise steht die Geschichte einer individuellen Flucht für das Gesamtdrama dieses historischen Abschnitts deutscher Nachkriegsgeschichte. Der brüchige Begriff der Heimat und der aus Mitteleuropa nicht wegzudenkende Einfluss christlicher Religionen füttern nicht nur die literarische Ambition, sondern steuern auch den Lauf der Entwicklung der Protagonistin und der Erzählstränge. Ihre materiellen Fundstücke und die im Lauf eines Lebens angesammelten Erkenntnisse bringen Beata Pütz am Ende auf einen überraschenden Weg, der sich zu Beginn der Handlung nicht abzeichnet. "Auch der falsche Weg ist ein Weg" konstatiert die Autorin nüchtern.
Lehrreich und an keiner Stelle langweilig, lässt sich dieser ungerade und verzweigte Lebensweg mit all seinen physischen Ausflüchten und literarisch-philosophischen Betrachtungen ohne Unterlass nachvollziehen. Allen, die sich der Aktualität und der Brisanz der Themen stellen, ist eine interessante und gewinnbringende Auseinandersetzung garantiert. Sie lernen in Jenny Schon nicht nur eine engagierte und differenzierte Romanautorin, sondern auch eine sensible und prägnante Lyrikerin in einer Person kennen.





taz - Die Tageszeitung von heute
Christian Y. Schmidt


Im Jahr des Tigers: Designermuschi zeigen

Normalerweise ist dem Straßenbild in China nicht anzumerken, ob es sich um einen Werk-, Sonn- oder Feiertag handelt. Die Geschäfte haben täglich geöffnet. Nur in der ersten Woche der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten sind die Straßen wie leergefegt und alle Läden geschlossen. Ich habe diese Zeit genutzt, um in meiner aus Deutschland mitgeschleppten China-Literatur zu lesen. Besonders angetan hatte es mir ein Buch, das 1973 im maoistischen Oberbaumverlag erschienen war und das ich im hervorragenden Roten Antiquariat in der Berliner Rungestraße erworben hatte: "China: Im Vertrauen auf die eigene Kraft. Reisebericht einer Genossin". Diese Genossin trug den schönen Namen Jenny Schon. Ich lese solche Bücher mit besonderem Interesse. Ich hoffe durch sie zu erfahren, was mich als Fünfzehnjährigen am Maoismus so faszinierte. Tatsächlich findet man dazu einiges in dem Buch. Es ist gespickt mit Produktionsziffern, die beweisen, dass es im China Maos nur aufwärts- oder vorwärtsgeht. Ähnliches las ich als Jugendlicher in diversen maoistischen Blättern, und das hatte mich schließlich überzeugt. Ich frage mich allerdings, ob ich auch schon damals bei der Lektüre so viel gelacht hätte. So gefiel der Genossin Schon auf ihrer Reise durch das maoistische China ganz ernsthaft am besten, dass man beziehungsweise frau in Toiletten ohne Trennwände kollektiv in ein Loch im Boden uriniert. "Diese Art zu pinkeln, fand ich sehr angenehm - es hat etwas von der Isolation genommen, in der man als Ausländer ja doch steckt." Ich hoffe auch, dass ich mich über ihren unbedingten Glauben an die Sicherheit chinesischer Flugzeuge amüsiert hätte, "weil ich den chinesischen Piloten - im Gegensatz zu unseren - die menschliche Verantwortung zuspreche, die jeder Flug erneut verlangt." Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Wer kann schon für sich selbst als Jugendlicher garantieren? Ich fragte mich bei der Lektüre auch, was wohl Frau Schon heute macht. Wir deutschen Maoisten gingen ja oft erstaunliche Lebenswege. Genosse Alan Posener wurde Redakteur bei Springers Welt, Genosse Bernd Ziesemer ist Chefredakteur des Handelsblatts, Genosse Joscha Schmierer landete eine Zeit lang im Planungsstab des Auswärtigen Amts und Genosse Horst Mahler am Ende bei den Nazis. So schlimm ist es mit Genossin Schon nicht gekommen. Auf ihrer Homepage kann man lesen, dass sie immer noch Bücher verfasst, allerdings nicht mehr über China, sondern über ihre Vertreibung "im Kinderwagen" aus dem "Sudetenland". Leider schreibt sie jetzt auch Gedichte, zum Beispiel dieses hier mit dem Titel "Designermuschi" zum "Internationalen Tag der Frau" (Auszug): "Und auch das Klavier schweigt / Als sie ihre Muschi zeigt / Von vorn und inmitten / Da kreuzt auf dem Steg / Ein 40-Pfund-Model ihren Weg / Du bist ja auch beschnitten / Ach mein Silikon / Ist schon lange auf und davon." Betrachte ich dieses Gedicht und die Lebenswege vieler deutscher Mit-Maoisten, kann ich nur sagen: Ich habe unverschämtes Glück gehabt.





Dr. Horst Schulze
Kent/GB

Ueber die Wirkung, die ich als Leser der Gedichtfolge "Boehmische Polka" empfand

Ich war nicht imstande, den Zyklus in einem Zuge aufzunehmen, las stockend, las einzelne Texte, musste Pausen machen. Die Intensitaet des Ausdrucks, dessen tiefinnere Wahrheit sich mir zuerst nur bruchstueckweise zu erkennen gab, war zu gross. Ich fand, mit den Augen eines Aussenstehenden lesend, auch den Rhythmus nicht gleich.
Dann las ich am naechsten Tag noch einmal, jetzt ging es ganz leicht, und das Ganze zeigte sich mir deutlich als geschlossener Zyklus: Betroffen machende Gedichte einer ins Dornengestruepp gelaufenen Seele, ein mit dem Atem ringendes Schreien aus der Tiefe eines zerschundenen Erinnerns, die in sich die hier zum Thema gemachte grauengeschwaengerte Erfahrung enthaelt, was Vertreibung anrichtet und was Vertreibungsopfer sein heisst.
Ich halte die "Boehmische Polka" fuer eine exemplarische Dokumentation dieses Traumas. Mit einer solchen Direktheit wie hier im lyrischen Wort laesst sich die Wirklichkeit des angerichteten seelischen Schadens kaum angemessen prosaisch beschreiben. So habe ich es noch nie gelesen, in den Gedichten ist Ausserordentliches geleistet. Von den Kraeften, die von aussen auf die in die Dornen gejagten Gefuehle von Menschen einwirkten, ist gerade so viel gesagt, dass sie wiedererkennbar sind in wiederkehrender Gestalt, da sind die Orte, die Berge, die fliessenden Gewaesser, da sind vor allem die sprachverschiedenen Menschen und ueber allem und in allem ist die Spannung gegenwaertig zwischen Liebessehnsucht und Verstaendnislosigkeit, ja Rohheit, zwischen dem Festhalten am Traum von einer heileren Welt und der Wiederkehr der Erlebnisse als Alb. Immer noch schmerzen die Narben der gemarterten Seele.
Ueber die Abfolge der Texte habe ich kein sicheres Urteil. Als ich den Zyklus in die Haende bekam, bildete "Trautenau" den Anfang. Ich las in einem Zuge bis zum Albtraumgedicht "Nebel" weiter und hielt es dann fuer sehr gut, das Ganze mit dem eingaengigen Gedicht "Trautenau" beginnen zu lassen.
Dann brauchte ich eine Atempause, lief an die Kueste, hoerte der ewig rauschenden Brandung und den schreienden Moeven zu, bis ich mich beruhigt hatte, und las dann weiter. Besonders bewegt hatte mich das in seiner Art unerhoert eindrucksvolle Gedicht "Enkel", uebrigens in durchgaengiger Kleinschreibung, das reine Wort ohne jeden Aufputz wie dem der kuenstlichen Unterscheidungen zwischen Gross- und Kleinschreibung.
Motivisch enger zusammengehoerige Texte, etwa wenn von der Elbe die Rede ist oder vom Kind und dem Opa, sind immer wieder unterbrochen. Manche Gedichte haben Strophenform, der Ton wechselt, ist bald weich, bald hart. Das Gestaltungsprinzip in acht bis zehn Texten hat Aehnlichkeit mit impressionistischer Programm-Musik. Leitmotivisch ist der Zyklus durchzogen vom Hauptthema der traumatisierten Seele, aber mit immer neuen Seitenthemen. Staerker tritt in einer Reihe von Texten das Naturmotiv in charakteristischen Situationen hervor. Auch das einzelne Naturmotiv kehrt ganz knapp in einer Art Leitmotivtechnik in Abstaenden wieder, wie etwa das Gaensebluemchen, aber letztlich bleibt die Natur Untergrund, boehmische Impressionen, in den Gedichten Morgendaemmerung, auch Kreuzgang, Rauhreif auf der Wiese hinter dem Hotel, Boehmische Polka, Wo ich denken kann, Elbe, Was die Elbe so sieht, Ahoi.
Den Schluss bildet ein bitteres Gedicht in Rondeau-Form: Die alten Maenner. Es steht ueberzeugend am Ende des Zyklus.









aus: Dillpost, Dillenburg, 3.4.07





Jenny Schon, Der Graben. Roman.
Verlag am park, Eulenspiegel-Verlagsgruppe, Berlin, 2005, ISBN 3-89793-112-5
12.90 Euro

Nach dem Gedenken an das Kriegsende stellt sich jetzt die Frage, was ist aus den Kindern geworden, die an der Hand ihrer Mütter als Vertriebene und Flüchtlinge durch halb Europa stapften! Was hat das Trauma aus ihnen gemacht - jene Kinder von damals, die heute ins Rentenalter kommen - und wird es ihnen gelingen, anzukommen in Mitteleuropa, das seit dem Mittelalter kulturell zusammengehörte und nur wenige Jahrzehnte von terroristischen Regime getrennt worden war.
Jenny Schon, die in Trautenau/Böhmen geborene und nach Brühl/Köln vertriebene Autorin, erzählt von einem böhmischen Kind. Nach der Wende sucht ihre Romanheldin Beata Pütz die Stätten ihrer Kindheit im Norden Böhmens auf. Dann hält sie inne: "Soll das alles mit mir zusammenhängen? Beginnt sich meine Sprache und Wahrnehmung zu verändern in einem anderen Ich? Ich will doch mich finden, nicht das Andere in mir. Das Andere sind Ahnen, die ich gar nicht kenne. Als Kind träumte ich in einer anderen Sprache. Jetzt weiß ich, es war Tschechisch." Und nach einer kleinen Unterbrechung fährt sie fort: "Je tiefer mein Spaziergang in die Vergangenheit führt, um so mehr verfliegen die Staubpartikel, die den Weg unkenntlich gemacht haben".
Der Streit um die Benesch-Dekrete, in deren Folge 1946, also vor 60 Jahren, drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, geht weiter. Trotz der Wiederherstellung der historischen Mitte Europas nach der EU-Erweiterung bleibt der schale Geschmack, daß vieles, was der Krieg hinterlassen hat, noch nicht verdaut ist. Dennoch versucht die Autorin, den Graben, der beide Völker getrennt hat, zu überwinden.




Jenny Schon, Böhmische Polka, Gedichte
deutsch und tschechisch (übersetzt von: Jen Jensen).
ISBN 3 - 937844 -67 - 8, Vechta: Geest Verlag, 2005
10 Euro

Jenny Schon, die seit den 60ern in Westberlin lebende Autorin, sagte neulich in einem Interview: "Als ich letzten Herbst in der Cafeteria des Schwimmbads meiner Geburtsstadt Trautenau saß, sah ich eine Schulklasse von ca. achtjährigen Kindern die Treppe herunterkommen. Ich schrieb auf den Kassenzettel folgende Zeilen:
hier
keine enkel
enkellos
losgelassen
schenkelbreit
scheide tot
krieg -
Das wurde der Anfang meines Gedichts "enkel". Noch nie war mir so erschütternd klar geworden, was Krieg und Vertreibung heißt - unfruchtbar werden an Körper, Geist und Seele, herausgerissen aus dem Zyklus von Ahnen." Immer wieder erscheint dieses Trauma im Werk von Jenny Schon. Aber der Leser wird auch zu Spaziergängen in die wunderbare Landschaft des Riesengebirges eingeladen.







"...Jenny Schon gelingt es, ohne es explizit zu benennen, die Spätfolgen der wilden Vertreibungen bewußt zu machen bis hin zur Aufdeckung der fortdauernden seelichen Veletzungen."
Dr. Horst Schulze, in: Riesengebirgsheimat 9/2005, Hohenelbe und Trautenau

"...Es ist eine äußerst ungewöhnliche, zutiefst ehrliche und keiner schwierigen Frage vor sich und anderen ausweichende Schilderung einer Suche nach der ursprünglichen Heimat und damit nach sich selbst."
Dr. Horst Loeffler, Nachrichten d. Suddt. in Baden-Württemberg, 15.9.2005

"...ein hochsensibles Werk, gedacht vor allem für jene, denen es nie gelungen ist, den Graben zwischen ihrer Herkunft, der verlorenen Heimat und der Gegenwart in einem fremden Land zu überwinden. Mehr noch ein Beitrag zur Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen...."
Prof. Dr. Rudolf Grulich, Kirchenhistoriker, Autor






anti, in: Krkonose 10/2005, Vrchlabí, Czech Republic







Kommentare von Lesern und Leserinnen


Liebe Frau Schon,
endlich habe ein bischen Zeit Ihre Bücher zu lesen. Inzwischen hat Tonda Tichý über das Buch "Böhmische Polka" einen Aufsatz für die Zeitschrift schon geschrieben. "Der Graben" ist für uns eine sehr interesantes und erfreuliches Lesen. Es wäre sicher nützlich und dürftig Ihr Buch ins Tschechische übersetzen.
Wir grüssen Sie recht herzlich!
Margit und Miloslav Bartosovi, Tschechien





"....Du hast das schwierige Verhältnis von Deutschen und Tschechen gut umgesetzt in Geschichten, dabei unbequeme Wahrheiten für beide Setien nicht ausgespart, meinen Glückwunsch zu Deiner Erzählweise..."
Charlotte Groh, Journalistin, Berlin

"...Im Übrigen habe ich lange nicht ein solches Buch wie Deinen "Graben" gelesen, wo jemand so schonungslos ist gegenüber sich selbst. Das tut manchmal richtig weh... Ansonsten beneide ich Dich um Deine Sprachgewalt. Manche Szenen finde ich exzellent..."
Dr. Helga Hirsch, Polonistin, Berlin

"...I read your book twice. It is very strong, thanks you wrote it."
Pavel Klimes, veselý výlet, Tschechien

"...schon vor Wochen habe ich Dein Buch gelesen und fand es sehr spannend, vor allem auch die historischen Teile. Aber auch Deine persönlichen Erfahrungen...Lachen mußte ich ja fast, als du Dir das Haus gekauft hast und den Bräutigam gleich dazu, stimmt das oder ist das Fiktion?..."
Anna Gerstlacher, Sinologin

"...Ihre Bücher haben mir sehr gefallen und gerne können Sie Vorlesungen bei uns halten..."
Jan Horal, Prag, tschechischer Jagdflieger im 2. Weltkrieg, dem ich das Gedicht "Die alten Männer" in dem Gedichtband "Böhmische Polka" gewidmet habe.

p://www.pressestelle.tu-berlin.de/newsportal/news_detail/?tx_ttnews[tt_news]=963&tx_ttnews[backCat]=70&tx_ttnews[backPid]=146768&cHash=6c5036a1f5

http://www.berliner-woche.de/nachrichten/bezirk-charlottenburg-wilmersdorf/schmargendorf/artikel/53960-vom-umbruch-jenny-schon-schildert-wendejahre/

http://www.geest-verlag.de/news/die-k%C3%BCnstlergilde-mit-rezension-zu-jenny-schons-finger-zeig

http://www.geest-verlag.de/news/rezensionen-zu-jenny-schon-finger-zeig-geschichten-zum-25-jahr-der-mauer%C3%B6ffnung


In memoriam Günter Grass

Er war sperrig…
Ja, das war er. Das wird auch von mir gesagt. Heute würde ich meinen, ja Grass und ich und viele andere
sind zu Recht sperrig. Man hat uns als Jugendliche und Kinder in einen Krieg gesperrt, in die Vertreibung geschickt, in den Nachkriegstrümmern aufwachsen, in einem Land ankommen lassen, das uns nicht wollte.
Als Vertriebenenkind aus Böhmen wurde ich - wie die vielen Flüchtlingskinder im Rheinland auch - "Pimmock"
geschimpft, was abwertend unser Fremdsein beschreibt, Pollack ähnlich.
Seit 1961 erst in Köln und dann in West-Berlin war ich junge Buchhändlerin. Auch wenn Günter Grass älter
war als ich und er sich nichts Gutes tat, erst in seinem autobiografischen Werk "Beim Häuten der Zwiebel",2006,
sich zu seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS (er war siebzehn) bekannt zu haben, war er uns jungen Leuten
damals einer von uns. Er hatte die junge Stimme in "Katz und Maus" und in der "Blechtrommel", die um 1960
erschienen sind, und uns ansprachen. Als Kind einer sudetendeutschen Mutter war ich bereits 1963 mit Harry Ristock und den Falken in Theresienstadt,
um Abbitte zu tun. Grass hat das in Danzig getan, er ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt.
Besonders sein Roman "Im Krebsgang", 2002, hatte mich unterstützt, über mein eigenes Vertriebensein aus
meiner Geburtsstadt Trautenau im Riesengebirge zu schreiben ("Der Graben" (2005), "Die Sammlerin" (2009),
"Böhmische/Ceska Polka" (2005), Gedichte u.a.).

Auch wenn ich Günter Grass nur auf Lesungen und als Buchhändlerin begegnet bin (zu seinem Haus in
Berlin-Friedenau mache ich Führungen), verliere ich mit seinem Tod einen Weggefährten, wenn ich auch
in vielem mit ihm nicht einverstanden war. Er war mir teuer.

Jenny Schon
Berlin - Trautenau - Brühl
www.jennyschon.de





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